Vom 19. April bis zum 23. Mai 2009 fand im Haidhausen-Museum (München, Kirchenstraße 24) eine Fotoausstellung zur Auer Dult statt. Der Fotograf Joachim Rott zeigte historische Auer Dult Fotos aus den Jahren 1974/75. Im Mittelpunkt seiner Fotografien standen die Markthändler und die Besucher der Dult.
Historische Fotos der Auer Dult aus dem Jahr 1974
Haidhausen Museum war früher eine Bäckerei
Haidhausen Museum in München im Jahr 2009
Ausstellungsraum des Haidhausen Museums
Der Fotograf Joachim Rott
Begleittext zur Fotoausstellung von Joachim Rott:
Menschen auf der Auer Dult
München leuchtete in jenen Jahren wieder einmal besonders hell, gab sich modern und weltoffen: die Olympiade 1972, das Finale der Fußball-WM 1974 - was für eine Gala ! Der "FC Ruhmreich" erlebte gerade seine erfolgreichste Zeit, legendär Mythos und Glamour von Schwabing und Leopoldstraße. Der Spiegel sprach sogar von München als der heimlichen Hauptstadt Deutschlands.
Doch es gab auch das weniger spektakuläre München, wie z.B. das bodenständige Stadtviertel Au, in dem vorwiegend Kleingewerbetreibende, Handwerker, Arbeiter usw. lebten - typisch Vorstadt eben, von Schandmäulern auch als "Glasscherbenviertel" geschmäht.
Immerhin, seit dem Umzug aus der Innenstadt wird ab dem Jahr 1799 die traditonelle "Auer Dult" in der Au abgehalten (älter als das Oktoberfest, was auch einmal gesagt sein sollte !). Sie findet dreimal im Jahr statt, und erfreute sich bei den Münchnern stets größter Beliebtheit. Vor allem die Bewohner der umliegenden Stadtviertel, der Au selbst, Giesing, Haidhausen und Isarvorstadt, auch auch die etwas mittellosere Schwabinger Bohéme schätzten das wohlfeile Angebot an Haushaltswaren und Kleidung, an Antiquitäten und Trödel - und nicht zuletzt den kleinen Rummelplatz mit Bierzelt, Karussell, Schießbuden und dergleichen.
Die Auer Dult hat über die Jahrzehnte hinweg ihren volkstümlichen Charakter behalten. Bei der Ansicht alter Photographien ist man erstaunt, wie sehr die abgebildeten Szenerien denen von heute ähneln: nahezu dieselben Standln und Buden, das gleiche Sammelsurium an Waren. Geändert haben sich die Menschen, natürlich sichtbar vor allem an ihrer Kleidung; heutzutage das Publikum überhaupt in seiner gesellschaftlichen Zusammensetzung. Denn war die Auer Dult früher eine Veranstaltung für eher einfache Leute, wirken die Ebesucher unserer Tage, als wären sie auf einem "hippen Event" und geben sich sehr schick. An manchen Wochenenden ist die Dult dermaßen überlaufen, dass man sich fast auf dem Oktoberfest wähnt.
Das war Mitte der siebziger Jahre, zur Entstehungszeit meiner Photos, noch etwas anders: während man z.B. auf der Leopoldstraße neben dem eleganten Promenierpublikum gelegentlich stadtbekannte Edel-Chlochards und coole Althippies bestaunen konnte, begegnete man auf der Auer Dult noch zuweilen einer unauffällig-verdeckten Armut von älteren Menschen und "Geringverdienern", manchmal auch dem Elend von Menschen, die außerhalb unserer Wohlstandsgesellschaft lebten.
Wie sehr sich seitdem die Zeiten geändert haben, lässt sich durchaus an der Kleidung der Menschen ablesen. Damals zog man sich insgesamt schlichter und unauffälliger an. Die älteren Menschen hielten sich noch mehr an tradierte Bekleidungsnormen; Freizeitmode und "Outdoor-Style" waren längst nicht so verbreitet als heute. Die Jugend indes trug schon lässig Jeans und T-Shirt, gab sich freier und individualistischer, wenn auch noch nicht so modebewußt und extrovertiert als heutzutage.
Es ist wohl so, dass die Erfahrungenswelten zwischen den Generationen damals weiter auseinander klafften als in unseren Tagen. Der älteren Generation steckten noch die Erlebnisse und Schrecken der Nazizeit und Krieg, sowie die Not der Nachkriegszeit in den Knochen; auch waren die Jahre des Wiederaufbaus hart und das Wirtschaftswunder verteilte sich ungleich. Die Nachkriegsgeneration wuchs hingegen in weitaus größerer Freiheit und Sorglosigkeit auf, auch in relativen Wohlstand hinein, selbst wenn - verglichen mit heute - materiell alles eine Spur bescheidener ausfiel.
Manch ältere Herren wirkten mit ihren Rucksäcken - die noch keine stylistischen Citybags waren - so, als wären sie noch immer auf Hamsterfahrt wie in den schlechten Zeiten der Nachkriegsjahre. Dagegen erweckten manch jüngere Besucher doch schon den Eindruck, als wären sie mal eben auf einer lockeren Party. Und heutzutage geht man sowieso mehr "just for fun" auf die Dult, weniger aus Sparsamkeitsgründen oder wirtschaftlicher Notwendigkeit - was im Grunde ja auch wieder ganz positiv ist.
An noch etwas anderes sollte man denken: es waren damals Jahre eines schönen, doch irgendwie gebrochenen Scheins. Eine erste Erdöl- und Wirtschaftskrise Anfang des Jahrzehnts schien überstanden, alles lief wieder super. Un dennoch - der gesellschaftliche Veränderungsimpuls, die rebellische und kreative Unruhe der späten sechziger Jahre waren längst versandet. Dafür machte allmählich das Wort von der "Schwerkraft der Verhältnisse" die Runde, und es folgte die lastende Atmosphäre der Baader-Meinhoff-Jahre. Manche Zeithistoriker sprechen rückblickend von einer Zeit der "restaurativen Stille" und dem Phänomen eines "Rückzugs ins private Idyll".
Anstatt weiter über eine gerechte Welt zu brüten, begannen die einen sich ums "Aussteigen" und die eigene Selbstverwirklichung zu kümmern (Indien und "Bhagwan" waren plötzlich angesagt), während die anderen sich den konkreteren Dingen des Lebens zuwandten, wie der eigenen Karriere und dem Ferienhaus in der Toskana. Oder "poppiger" gesagt: Beatles und Doors gab es längst nicht mehr, Jimi Hendrix und Gram Parsons waren tot, wie so viele andere; die Gruppe "Fleetwood Mac" wandelte sich von einer ambitionierten Bluesband zu einer kommerziell sehr erfolgreichen Rock/Pop-Band.
Doch zurück zum eigentlichen Thema: die Auer Dult war bei den Photographen immer äußerst beliebt. Sie bietet eine Fülle an reizvollen Motiven für gute und schöne Bilder, idyllischer wie sozialkritischer Art. Frühe Bildbeispiele finden sich in dem Buch von Hermann Wilhelm über die "Münchner Vorstadt Au" (aus dem Fundus des Stadtarchives). Im Photomuseum des Münchner Stadtmuseums gab es Ende des vergangenen Jahres eine Ausstellung mit frühen München-Bildern von Stefan Moses, unter anderem waren zwei Bilder von der Auer Dult 1962 zu bewundern; und bei der letztjährigen Ausstellung von Dimitri Soulas "Augenblicke" zeigte das Photo Nr. 79 ("Flohmarkt", 1974) vermutlich ebenfalls eine Szene von der Auer Dult.
Vor allem die berühmten Straßenphotographen haben immer wieder die Märkte und Rummelplätze der großen Städte mit ihrem bunten und vielfältigen Treiben aufgesucht. Movtiviert von einer meist links-humanistisch geprägten sozialkritischen Einstellung, durchstreiften sie die Stadtviertel und Vorstädte der ärmeren Leute, photographierten ihr Alltagsleben und ihre Feste.
An hervorragender Stelle zu nennen sind hier Henri Cartier-Bresson, André Kertész, Robert Doisneau, Willy Ronis und "Izis" Bidermanas mit ihren Bildern aus Paris. In diese Richtung geht auch der Schweiz-Amerikaner Robert Frank, sowohl mit seinen Paris-Bildern von 1949-52, als auch mit seinen legendären Photos von einer Amerikareise 1955/56 ("Die Amerikaner", 1958), die die Vereinigten Saaten nicht gerade von ihrer glanzvollen Seite zeigten. Unbedingt zu erwähnen ist, stellvertretend für viele andere, die New Yorkerin Helen Levittt mit ihren Straßenszenen aus Manhattans Lower Eastside - wo übrigens einige Jahre vor ihr schon Ruth Jacobi eine Bildserie über jüdische Straßenhändler machte.
Sehr liebevolle Paris-Bücher stammen von dem Autor und Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim, sowie von Fritz Henle. Hingewiesen sei dringlich auf die frühen Berlin-Photos von Heinrich Zille, auf Chargesheimer mit seinem intensiven Jahres-Zyklus über eine Kölner Straße ("Unter Krahnenbäumen - Vorwort von Heinrich Böll), auf die Kirmes-Bilder von Walter Vogel, oder das Frankfurt-Buch von Abisag Tüllmann ("Großstadt"). Aus dem damals anderen Teil Deutschlands sollte man nicht vergessen: Arno Fischer ("Situation Berlin"), Bernd Heyden mit seinen Photos vom Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, oder auch Helga Paris ("Halle, Diva in Grau").
Noch ein paar Worte zu meiner Person:
Geboren 1947 in Falkensee/Berlin und aufgewachsen bei Erding, Abitur am Gymnasium Tegernsee, studierte ich ab 1967 mit Unterbrechungen in München zunächst Gechichte, Politische Wissenschaften und Germanistik, wechselte dann über zum Fach Psychologie, das ich mit dem Diplom abschloss. Seit 1972 lebte ich in Haidhausen. In jenem Jahr begann ich auch zu photographieren, bis heute als begeisterter Amateur. Meine erste Ausstellung fand im Juni 2007 in der Galerie Wörthhof statt, mit Impressionen von einer Rumänienreise: "Bilder aus einer anderen Zeit - Bukarest 1972".
Text von Joachim Rott
Redaktion auerdult.de
Christian Niedermaier
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